Interview mit Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport DAV

Sicherheit in Kletterhallen

Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport, Sportentwicklung und Sicherheitsforschung beim Deutschen Alpenverein, über Sicherheit in Kletterhallen und die Maßnahmen des DAV.

 

Stefan Winter
Foto: DAV Stefan Winter ist Ressortleiter Breitenbergsport beim DAV und damit für Sportentwicklung und Sicherheitsforschung zuständig.

Ein fataler Sturz in München, drei schwere Bodenstürze in Stuttgart, weitere gravierende Unfälle in anderen Hallen – 2008 schienen sich die Unfälle in deutschen Kletterhallen zu häufen. Statistiken für das Vorjahr liegen noch nicht vor, doch bereits für 2007 verzeichnete der Kletterhallenverband Klever, in dem viele nicht vom Deutschen Alpenverein (DAV) betriebene Hallen organisiert sind, eine Zunahme von Unfällen gegenüber 2006. Nach dessen Statistik kam es in den an der Befragung teilnehmenden Hallen 2007 zu 35 „großen“ und „größten“ Verletzungen: 17 mal durch Fehler des Kletterers, 17 mal durch Fehler des Sicherungspartners, einmal durch technisches Versagen in der Kletterhalle. Der DAV führt für seine Kletterhallen keine solche Statistik.

Wir haben deshalb bei Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport, Sportentwicklung und Sicherheitsforschung beim DAV, direkt nachgehakt:

Schwere Kletterunfälle in der Halle schienen sich im letzten Jahr zu häufen. Entspricht das auch den Erkenntnissen des DAV?

Nein, leider ist jedoch eine zunehmen­de Dramatisierung einzelner Vorkommnisse vor allem in den Boulevardmedien festzustellen. Eine Gesamtübersicht der Unfälle in deutschen Kletterhallen gibt es aus Erhebungsproblemen momentan nicht. Die DAV-Unfallstatistik weist für die Hallenkletterer im DAV jährlich circa vier bis zehn berichtenswerte Unfälle aus, und das bei stark ansteigendem Kletteraufkommen.

 

Hallenklettern
Foto: Ralph Stöhr Klettern in der Halle - Risikosport?

Was sind die Ursachen der schweren Unfälle im letzten Jahr? Betreffen diese „Kletterlaien“ mehr als erfahrene Kletterer?

Die Ursachen sind meist fehlerhafte Sicherungstechniken: Verletzen des Bremshandprinzips, fehlerhaftes Anseilen, zu kurzes Seil beim Ablassen etc. Entgegen der weitverbreiteten Meinung betrifft dies aber nicht hauptsächlich Anfänger, sondern ebenso „alte Hasen“. Weniger fehlerhafte Sicherungstechniken sind bei zwei Personengruppen festgestellt worden: bei Frauen und bei Kletterern mit einer fundierten Ausbildung.

 

Partnercheck - Schild vom DAV
Foto: DAV Emblem der Aktion Partnercheck vom DAV.

Gibt es schon Fälle, wo die Staatsanwaltschaft gegen einen Kletterhallenbetreiber ermittelt oder ein privatrechtliches Verfahren gegen einen Hallenbetreiber läuft?

In der Rechtssprechung wurde bislang die Haftung eines Hallenbetreibers nur sehr selten behandelt. Rechtliche Konsequenzen gibt es für Betreiber dann, wenn sie die Verkehrssicherheitspflicht für Halle und Wand verletzen – also zum Beispiel eine mangelhafte Umlenkung zur Verfügung stellen. Letzteres wird aber in der Regel durch ein engmaschiges Wartungssystem ausgeschlossen.

Was tut der DAV, um die Sicherheit im Hallenklettern zu erhöhen?

Der DAV hat 2005 die Aktion „Sicher Klettern“ ins Leben gerufen. In deren Rahmen werden verschiedene Bausteine für sicheres Klettern entwickelt und allen Kletterern zugänglich gemacht: die DAV Kletterscheine, eine Lehr-DVD sowie Beiträge in 'Panorama' und 'Berg & Steigen'. Aktuell ist eine Posterserie mit Kletterregeln und Verhaltenstipps für die Hallen und die Aktion Partnercheck. All diese Bausteine werden auch unter www.sicher-klettern.de vorgestellt.

Welche Maßnahmen sind für die Zukunft denkbar, um die Sicherheit in Kletterhallen zu erhöhen?

In Zukunft möchte der DAV die Kletterer noch mehr als bisher für das Thema Sicherheit sensibilisieren und über die Bedeutung von guter Ausbildung als Schutzfunktion aufklären. Der DAV setzt dabei auf Einsicht, Freiwilligkeit und Eigenverantwortung statt auf strikte Regeln oder gar Gesetze. Zum anderen arbeitet der DAV in den Normierungsgremien für Kletter- und Boulderwände und -griffe mit, um die bautechnische Seite optimieren zu helfen und steht in Sachen Sicherheitskonzepte mit Hallenbetreibern in Kontakt.

Wird das Hallenklettern auf lange Sicht zu einer strikteren Reglementierung des Klettersports führen?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt möchte der DAV das Hallenklettern weiterhin als „freien“ Sport für alle ermöglichen. Das Unfallaufkommen spricht nicht dafür, strikte Reglementierungen oder gar Zugangsvor­aussetzungen für Kletterhallen zu fordern. Dies zeigt der Vergleich mit anderen Sportarten eindeutig auf, so wie auch das Sicherheitsmanagement in den deutschen Kletterhallen gut läuft. Verschwiegen werden darf aber nicht, dass das Verletzungspotenzial beim Klettern – allein der Höhe wegen – hoch ist.

Diesem Verletzungspotenzial kann man aber mit guter Ausbildung und verantwortlichem Umgang mit Material und Seilpartner angemessen begegnen. Die hohen Sicherheitsstandards und der hohe gesundheitliche Wert beim Klettern haben ja eben dazu geführt, dass Indoorklettern ein Breitensport und sogar Schulsport geworden ist.

Noch eine Frage: Wie ist denn der Stand in Sachen Normierung der Klettergriffe?

Seit 2009 ist die neue Norm für Klettergriffe gültig (EN 12572-3). Diese Norm beschreibt, was Klettergriffe aushalten müssen. Ein Hintergrund ist dabei natürlich, dass Griffe, die brechen, nicht herabfallen.

09.03.2009
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 4/2009