Klettertechnik

Stehen, Greifen, Sehen

Kletter-Technik - Miri klettert an der Kunstwand
Foto: Ralph Stöhr
Klettern ist kein Hexenwerk. Dennoch sollte man einige grundlegende Techniken beherrschen. Und vor allem nicht vergessen, dass Koordina­tion und Köpfchen weiterbringen als reine Kraft.

 

Miri Schulz Klettertechnik auf der Waldau
Foto: Ralph Stöhr

Eigentlich, so suggerieren alte Kletterlehrbücher, funktioniert Klettern ganz einfach. Es ist wie Leiter steigen: Der Kletterer steht schön aufrecht und drückt sich mit den Beinen von einem Tritt auf den anderen, die Hände halten nur das Gleichgewicht. Auch wenn dieses Bild die moderne Kletterei an Fels und Plastik nur noch sehr lückenhaft beschreibt, hat es doch einen wichtigen wahren Kern: Die Beine sollten beim Klettern möglichst immer die Hauptlast tragen. Und noch etwas gilt: So wie man auf der Leiter am besten aufrecht steht, sollte man auch beim Klettern mit dem Oberkörper nicht an der Wand kleben, sondern soviel Abstand halten, dass die Sicht auf Griffe und vor allem Tritte gewahrt bleibt.

Erst sehen und Begreifen

Denn mit dem Sehen geht erst mal alles los: Schaut euch die Griffe und Tritte vor und unter euch immer wieder an und sucht euch die besten davon aus. Zum Schauen solltet ihr in einer Kletterroute immer wieder eine komfortable Grundposition einnehmen, von der aus ihr die nächsten Züge plant. Eine wichtige Grundregel des Kletterns ist: Ihr klettert nicht auf Geschwindigkeit, sondern um oben anzukommen. Zwar hat das eine ab einer gewissen Schwierigkeit direkt mit dem anderen zu tun, doch anfangs ist es sehr wichtig, in das eigene Klettern Bedacht und Übersicht einzuführen, innezuhalten und zu schauen. Das tut nicht nur den Armen und dem Kletterstil gut, sondern auch der Psyche.

Die Kraft aus den Beinen

Der Schlüssel zu einem guten Kletterstil ist zunächst eine saubere Beinarbeit. Auch wenn einem als Klettereinsteiger die Griffe viel wichtiger vorkommen – weil sie direkt vor der Nase liegen, weil man sie manchmal nicht halten kann –, ist es anfangs unbedingt nötig, das richtige Setzen der Füße zu üben. Wie ihr auf Tritten frontal oder leicht seitlich optimal steht, zeigt der Kasten rechts. Tritte fährt man übrigens nicht von oben an, indem der Fuß langsam an der Wand herunterrutscht, bis er auf dem Tritt hängenbleibt. Sondern der Fuß wird sauber mit der Fußspitze auf den Tritt gesetzt und dann belastet. Wenn eure Kletterschuhe nach wenigen Wochen Löcher im Zehenbereich haben, wird es Zeit, an der Beinarbeit zu feilen.

Neben dem sauberen Stehen auch auf kleinen Tritten kommt es auch darauf an, die richtigen Tritte zu wählen, um die Griffe optimal belasten zu können und den Körper immer wieder in ein möglichst entspanntes Gleichgewicht zu bringen. Dabei versucht man, stets den Körperschwerpunkt, der sich irgendwo hinter dem Bauchnabel befindet, so über den Tritten zu platzieren, dass man mit einer Hand loslassen kann, ohne seitlich wegzukippen. Diese Kombination aus Trittwahl und optimaler Körperposition ist reine Übungssache, einige Tipps geben wir auf den nächsten Seiten.

Welche Tritte ich mit welchem Fuß benutze, entscheidet übrigens sehr häufig über die Machbarkeit von schweren Stellen. Natürlich muss ich mir zur Auswahl der richtigen Tritte die Tritte erstmal anschauen, wozu es meist nötig ist, sich etwas von der Wand wegzulehnen.

Die Route im Griff

Da die Griffformen sehr vielfältig sind, können wir hier nicht auf alle Möglichkeiten eingehen. Neben der Belastung nach unten lassen sich viele Griffe aber auch seitlich oder sogar auf Zug nach oben (dann sind es Untergriffe) belasten. Wichtig ist beim Greifen zweierlei: Erstens, dass ihr die Griffe nicht zu hoch wählt. Aus der Überstreckung anzuziehen, ist sehr schwierig, außerdem geht in der Überstreckung die saubere Beinarbeit unweigerlich flöten, weil ihr die Tritte nicht mehr sehen könnt. Zweitens, dass ihr den Körper in die richtige Position bringt, um die Griffe belasten zu können. Bei Griffen, die direkt nach unten belastet werden, gehört der Körper mehr oder weniger unter den Griff, bei Seitgriffen aber auf der griffabgewandte Seite neben den Griff beziehungsweise schräg unter den Griff. Hier hilft nur: üben, ausprobieren, mit den Möglichkeiten spielen lernen. Möglichst nicht in der Tour, sondern in Bodennähe oder an der Boulderwand.

Ein banal klingender Hinweis noch für weniger geübte Vertikalisten: Ist ein Griff zu klein, dann ist es wahrscheinlich ein Tritt. Zumindest an der Kunstwand ist es in Routen der unteren Schwierigkeitsgrade extrem unwahrscheinlich, dass ihr euch an winzigen Leisten hochzerren müsst.

Fotostrecke: Tipps und Tricks: Klettergriffe richtig greifen

14 Bilder
Klettergriffe richtig greifen Foto: Ralph Stöhr
Klettergriffe richtig greifen Foto: Ralph Stöhr
Klettergriffe richtig greifen Foto: Ralph Stöhr
22.01.2010
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 12/09+01/10/2009 / 2010