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Alpinklettern

Profi-Tipps Alpinklettern von Beat Kammerlander

Von der Auswahl bis zum Abseilen, von Plaisir bis zum Projekt: Der Bergführer und Kletterprofi Beat Kammerlander verrät, worauf es beim alpinen Sportklettern ankommt.

Wer das erste Mal zum alpinen Sportklettern geht, muss sich darüber im Klaren sein, dass Gebirge kein Klettergarten ist. Da gibt es Gefahrenquellen wie Wetter und Steinschlag, auch beim Zu- und Abstieg. Deshalb empfehle ich Alpinneulingen, beim Schwierigkeitsgrad weit unten anzufangen, damit ihr Reserven habt, das Ganze nicht in Stress ausartet oder ihr gar in Teufels Küche kommt. Die meisten Leute haben auch Probleme, den Fels zu lesen, weil die Kletterei im Gebirge in der Regel viel flacher ist als das steile Zeugs, was heute in den Klettergärten gemacht wird. Dazu ist die Kletterei oft viel technischer, auch sind die Hakenabstände meist größer. Wenn fünf, sechs Meter über dir der nächste Bohrhaken steckt, heißt das nicht, dass es gerade hoch geht. Oft muss man eine größere Schlaufe klettern, weshalb man viel mehr überlegen muss, wo es lang gehen könnte. Das erfordert ein geschultes Auge, und das bekommt man nur, indem man viele leichtere Routen klettert. Wenn man dann doch mal einen Verhauer baut, sollte man sich zusammenreißen und das Ganze wieder abklettern, statt zu versuchen, auf Teufel komm raus zum Stand oder nächsten Bohrhaken zu kommen. Zumal das Gelände oft nicht zum Stürzen geeignet ist. Deshalb ist auch der psychische Anspruch im Gebirge größer. Das beginnt schon, wenn du vor der Wand stehst und weißt, da geht‘s jetzt 200, 300 oder 400 Meter hoch. Als Bergführer erlebe ich oft, dass Menschen damit erstmal mental überfordert sind. Deshalb solltet ihr euch am Anfang nicht zusätzlich mit klettertechnischen Schwierigkeiten überfordern! Abgesehen davon geht‘s beim alpinen Klettern ja nicht nur um den Fels, die Route und den Grad, sondern auch darum, sich Zeit zu nehmen und die Landschaft um einen herum zu genießen.

Cruisen oder fighten? Beat Kammerlander am Wildhuser Schafsberg.
Foto: Stefan Kürzi

Ein Plan muss sein

Generell ist wichtig, dass ihr euch einen Plan zurechtlegt, dass ihr am Abend vorher schaut, wie geht der Zustieg, wie verläuft die Tour, wie komme ich wieder runter? Wenn ich das weiß, dann bin ich schon richtig programmiert. Ich mache mir auch immer einen groben Zeitplan und beschäftige mich mit den Rückzugsmöglichkeiten. Dann weiß ich beispielsweise, die Route kann ich bis zur Hälfte klettern und von dort noch locker abseilen. Dazu benötigt man aber eine gute Seiltechnik, damit es schnell geht, wenn ein Gewitter reinzieht. Da sollte man sich nicht erst überlegen müssen, wie mache ich einen Prusik oder wie muss der Knoten liegen, damit ich das Seil abziehen kann. Das darf keine zehn Minuten dauern, sondern höchstens eine! Plant deshalb immer zwei, drei Stunden Polster ein, im Gebirge kommt oft etwas dazwischen. Wenn ihr selten alpin unterwegs seid, braucht ihr ohnehin für alles länger. Dann fehlt die Routine.

Stärkere Alpinkletterer sollten sich bewusst sein, wonach ihnen an dem Tag ist. Mal habe ich Lust, mich durch eine harte Route zu fighten, ein andermal klettere ich lieber was leichteres und genieße es, durch die Route zu cruisen. Wenn Einstellung und Psyche nicht stimmen, macht es keinen Sinn und ist auch riskant, sich eine (zu) harte Route hochzuquälen!

Alpine Schinderei belohnt meist mit Ausblick.
Foto: Stefan Kürzi

Mach es mit Gemütlichkeit

Wenn ich was Schweres klettere, will ich‘s bequem haben. Da habe ich immer einen Haulbag und eine 60-Meter Versorgungsschnur dabei, die mit einer Mini Traxion (Seilrolle mit Rücklaufsperre) schon so präpariert ist, dass ich sie nur in den Standplatz hänge und den Haulbag nachziehe, bevor ich den Nachsteiger sichere. Im Haulbag sind eine Softshell, Trinken, Energieriegel, ein kleines Erste-Hilfe-Set und ein Sitzbrett, damit ich mich regenerieren kann. In harten Routen ist es sinnvoll, die Finger prophylaktisch zu tapen. Wenn du eine Zehnerroute ausboulderst, ist der Fels oft so scharf, dass du nach vier, fünf Versuchen keine Haut mehr hast. Einmal längs von unten nach oben einen Streifen kleben und dann von vorne nach hinten im Dachschindelprinzip tapen – das hält gut, und der Finger ist nicht supersteif. Deshalb habe ich immer eine Rolle Tape am Gurt, um bei Bedarf nachzutapen.

Üben, üben, üben!

Für den Standplatz nehme ich eine 120-cm-Bandschlinge doppelt und mache damit eine Ausgleichsverankerung. Ich weiß, die Lehrmeinung empfiehlt die Reihenschaltung, aber in alpinen Sportkletterrouten sichere ich den Vorsteiger ohnehin nicht über den Stand, sondern über Körper. Da ist es dann aber essentiell, dass man dynamisch sichern kann, dass man Seil durchlässt – und das kann man nicht genug üben! Wichtig ist dabei, dass Seil und Sicherungsgerät optimal zusammenpassen. Das sollte jeder für sich im Klettergarten austüfteln. Wenn ich richtig dynamisch sichern muss, ziehe ich Handschuhe an – um keine Sorge haben zu müssen, mir die Hände zu verbrennen. Ist ein Dach über dem Stand, wo ich bei einem Vorsteigersturz dagegengeschleudert werden könnte, oder die Route geht seitlich weiter, dann sichere ich auch mal über den Stand. Generell ist natürlich das Tragen eines Helms zu empfehlen, nicht nur wegen Steinschlag, sondern auch bei Stürzen oder wenn andere Kletterer über dir sind. Auch eine herabfallende Exe kann tödlich sein!

Herr der Dinge

Zur Sicherheit im alpinen Gelände gehört auch, dass man einige seiltechnische Manöver beherrscht. Dazu gehört, durch steile Wände abseilen zu können – also als erster Zwischensicherungen einzuhängen und zum nächsten Stand zu pendeln. Oder eine belastete Plate zu lösen, wenn mal jemand wo nicht hoch kommt. Wenn du deinen Partner dann nicht ablassen kannst, steckt ihr fest. Auch sollte man einen Flaschenzug aufbauen können, um bei Bedarf den Partner einige Meter hochziehen zu können. Ich kenne so viele starke Kletterer, die seiltechnisch sehr wenig Ahnung haben. Das finde ich richtig beängstigend!

Auf der nächsten Seite: was man bei der Planung beachten muss

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Foto: Südtirol Marketing / Tappeiner
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